Foto der Contax RTS von vorne
Kamera von vorne

Die Contax RTS – darf’s ein bisschen Porsche sein?

1973 startet das »Top Secret Project 130« – was es damit auf sich hat und was dabei herauskam erfährst du in diesem Review.

Der Kampf ums Überleben setzt bei der deutschen Kameraindustrie unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg ein. Manche kämpfen kürzer, manche länger, verlieren werden am Ende fast alle. Auch die ganz großen Marken wie beispielsweise Zeiss Ikon, Voigtländer oder Rollei – sie werden von der japanischen Konkurrenz, die innovativer, kundenorientierter und günstiger ist, kaltgestellt.

Als Zeiss Ikon 1972 den Bau von Kameras endgültig aufgibt, fehlt dem renommierten Objektivhersteller Carl Zeiss der entscheidende Abnehmer für seine Kleinbildobjektive. Also macht sich die Firma aus Oberkochern auf die Suche nach einem japanischen Kooperationspartner. Nach den gescheiterten Verhandlungen mit Pentax, einigt man sich schließlich mit Yashica. Und schließt eine Kooperation die bis 2005 halten, und so legendäre Kameras wie die Contax RTS, G- und die T-Reihe hervorbringen wird.

Für das erste gemeinsame „Baby“ stecken sich die Frischvermählten gleich hohe Ziele. Es soll eine Profikamera werden und damit sie auch gut aussieht, engagiert man F. A. Porsche für das Produktdesign. Das „Top Secret Project 130“ beginnt und wird bereits 1974 auf der Photokina vorgestellt – die Contax RTS. RTS steht übrigens für „Real Time System“ einem Begriff aus der Computertechnik, der Systeme zur unmittelbaren Steuerung und Abwicklung von Prozessen beschreibt.

Fotos der Contax RTS

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Steckbrief

Bauart:
Spiegelreflex Kamera für 35 mm Filme
Baujahr: 
1975 – 1882
Objektiv:
Contax/Yashica
ASA/ISO:
12 – 3200
Verschluss:
Horizontal ablaufender Tuchschlitzverschluss, 4 – 1/2000 Sek.
Belichtungsmesser:
Mittenbetonte Integralmessung, TTL, Belichtungskorrektur ± 2 Blendennstufen in Intervallen von 1/2-Stufen
Fokussierung:
Manuel, Mikroprismenring, je nach Mattscheibe mit Schnittbildindikator
Sucher:
Bildfeld 94%, Zeit- bzw. Blendenskala mit Leuchtiode, Blende wird immer eingespiegelt, gewählte Zeit im manuellen Modus ebenfalls
Modi:
Manuell, Zeitautomatik
Maße Gehäuse:
142 x 89,5 x 50 mm, 700g (Gehäuse)
Batterie:
PX28, Varta V28PXL
Extras:
Abblendtaste, feststellbarer Spiegel, Selbstauslöser, Mehrfachbelichtungen

Design, Ausstattung und Funktionen – Design ist King

Die RTS kommt sehr puristisch daher und ist im Design ihrer Zeit zehn Jahre voraus – sie sieht viel mehr nach einer 1980er als nach 1970er Kamera aus. In ihrem gediegenen Schwarz und durch ihren extrem breiten Prismenkasten erinnert sie mich auch immer ein bisschen an Darth Vader 😉. Nimmst du sie in die Hand spürst du, auch wegen ihres ordentlichen Gewichtes, diese Kamera ist als unverwüstliches Profi Tool entwickelt worden.

Ungewöhnlich aber durchaus gut zu bedienen – das Zeitwahlrad auf der linken Seite

Bei näherer Betrachtung der RTS fällt auf, dass alles ein wenig anders ist als bei vergleichbaren Kameras. Das Zeitwahlrad, mit dem auch in die Halbautomatik (A = Zeitautomatik) gewechselt werden kann, ist Bestandteil des Rückspulknopfes auf der linken Seite des Bodys. Auf der rechten Seite befindet sich ein Segment in das der Knopf für die Belichtungskorrektur, die ASA-Einstellung sowie der Auslöser integriert sind. Daneben ist gerade noch genug Platz für den Filmtransporthebel und das Fenster des Bildzählwerks – wie gesagt, der Prismenkasten ist echt breit. Der Auslöser ist ein elegant flacher Knopf den man mit sehr wenig Druck auslöst. Ein identisch aussehender Knopf (LED Schaltknopf) befindet sich an der Frontseite der Kamera – mit ihm wird der Belichtungsmesser aktiviert.

Heller und sehr übersichtlicher Sucher, LEDs zeigen die zu wählende Zeit an.

Ein Blick ins Okular der RTS eröffnet die Sicht in einen großen und hellen Sucher in dem alle wichtigen Einstellungsparameter angezeigt werden. Am oberen Rand des Suchers befindet sich die Blendskala, die Auskunft über die am Objektiv eingestellte Blende (die Zahl verfärbt sich grün) gibt. Am rechten Rand befindet sich die Belichtungszeitskala. Drückst du den LED Schaltknopf an der Frontseite der Kamera leuchtet ein roter Punkt an der, zu vorgewählten Blende passenden, Belichtungszeit auf.

Die Contax RTS bietet zwei Bedienungsarten – die voll manuelle Bedienung und eine halbautomatische Bedienung (Zeitautomatik).

Im manuellen Modus stellst du Blende und Belichtungszeit selbst ein und behälst so die maximale Kontrolle über die Belichtung des Bildes. Klingt schwieriger als es ist, denn natürlich unterstützt dich auch im manuellen Modus der eingebaute Belichtungsmesser bei der Wahl der passenden Blende/Zeit Kombination. Stimmt der rote Punkt, der nach drücken des LED Schaltknopfes neben der Belichtungszeitskale erscheint, nicht mit der vorgewählten (durch den grünen Zeiger markierten) Belichtungszeit überein, besteht die Gefahr einer Fehlbelichtung. Deshalb veränderst du entweder die Blende solange bis das LED Licht an der vorgewählten Belichtungszeit aufleuchtet oder du drehst das Zeitwahlrad auf die von der Kamera vorgegebenen Belichtungszeit.

Um mit der Zeitautomatik zu fotografieren musst du das Zeitwahlrad auf A (steht für Aperture-Priority) stellen. Dann wählst du einfach nur noch die gewünschte Blende und die Kamera stellt die passende Belichtungszeit selber ein. Auch hier verrät einem das rote LED im Sucher, bei Druck auf den LED Schaltknopf, welche Zeit das sein wird.

Für weitere Infos zu Blende und Zeit lies bitte auch den Beitrag Bildbelichtung im Griff

Der Sucher ist so angenehm hell, dass das Fokussieren mittels des Mikroprismenrings problemlos vonstatten geht.

Die Contax RTS besitzt natürlich noch weitere Funktionen, die das Fotografieren mit ihr einfacher machen. Eine Abblendtaste zur Beurteilung der Schärfentiefe, einen Selbstauslöser und eine Belichtungskorrektur für den Umgang mit widrigen Lichtsituationen. Wobei die Kamera bei den Werten für die Belichtungskorrektur auch wieder eigene Wege geht. Denn hier werden nicht wie eher üblich Blendenwerte als Maßeinheit zu Grunde gelegt sondern die Belichtungszeit. Bei Stellung auf 2 wird die vorgegebene Belichtungszeit verdoppelt, auf 4 vervierfacht, bei Stellung auf 1/2 wird die Zeit halbiert, bei 1/4 verwendet die Kamera nur ein Viertel der vorgegebenen Belichtungszeit – also beispielsweise anstatt 1/60 ein 1/500.

Die Handhabung oder darf’s ein bisschen mehr sein?

Es gibt Kameras die einem einfach liegen. Man nimmt sie in die Hand und es fühlt sich gut und vertraut an – bei mir der Fall bei der Nikon F3. Oder man mag ihr Bedienungskonzept für mich bei der Pentax K1000. Und dann gibt es Kameras die einen inspirieren, bei denen man das Gefühl hat, mit ihnen macht man bessere Fotos – ohne genau benennen zu können, warum das so ist.

Wohl durchdacht und schön gestaltet – die Bedienelemente der RTS.

Die Contax RTS ist genau so eine Kamera – sie inspiriert mich. Ich nehme sie trotz ihres ordentlichen Gewichts, allein der Body wiegt schon 700g, gerne mit. Ich mag den Geruch ihres Echtleder Bezugs und ich bewundere die Präzision mit der sie gefertigt ist. Sie ist die am hochwertigsten verarbeite Kleinbild Kamera mit der ich je fotografiert habe und vielleicht lässt mich ihre Präzision auch präziser arbeiten – ich weiß es nicht.

Ein weiterer Pluspunkt beim Fotografieren mit der Contax RTS sind die Objektive die man an ihr verwenden kann. Die Carl Zeiss Planar oder Tessar Objektive sind legendär und gehören zum Besten, was je für analoge SLR’s gebaut wurde. Einziger Wermutstropfen, auch gebrauchte Planare und Tessare sind nicht wirklich günstig. Für alle Kostenbewusste empfiehlt sich daher die Anschaffung eines Yashica ML Objektivs, denn diese wirklich guten Linsen kosten nur einen Bruchteil der Zeiss Exemplare.

Videos zur Contax RTS

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Problemzonen oder Dinge, an die man sich gewöhnen muss

Bei all meiner Begeisterung für die RTS, gibt es zwei Dinge die ich nicht ganz so toll finde. Erstens die Contax RTS ist komplett elektronisch gesteuert und sie hat kein mechanisches Fallback wie beispielsweise die Minolta XD 7 mit ihrer „O“ Stellung. Das heißt, man ist immer auf eine Batterie angewiesen. Ein zweites kleines Manko ist der extrem sensible Auslöser, an den man sich echt gewöhnen muss. Sein Auslösepunkt ist so gering, dass man den Finger beim Fokussieren besser vorne am LED Schaltknopf behält, um nicht versehentlich auszulösen.

 

Fazit

Ja, ich bin ein Fan der Contax RTS. Sie ist im besten Sinne durchdesignt. Jedes Bedienelement wurde nach seinen spezifischen Benutzungsanforderungen gestaltet. Da gibt es kein Gefummel und Gefluche wie bei anderen Kameras –alles lässt sich leicht einstellen und bedienen. Für Design-Fans ist diese Kamera ein Muss, denn spätestens wenn du den Sound beim Rückspulen deines ersten Films hörst und begreifst, dass Porsche sogar ans Sound-Design gedacht hat, wirst du sie lieben.

Und ja, sie ist ein kleiner Porsche und daher auch nicht ganz billig. Je nach Zustand und mit welchem Objektiv ausgestattet, liegt die Preistendenz zwischen € 180,- und € 500,-

Viel Glück beim Jagen!